Männer und Frauen sind wissenschaftlich belegt gleich klug, so viel vorweg. Die Wahrnehmung der eigenen Intelligenz unterscheidet sich bei beiden Geschlechtern dennoch. In der Psychologie gibt es dafür sogar einen Namen: „Männliche Selbstüberschätzung, weibliche Bescheidenheit“. Australische Forscher*innen haben sich diesem Muster in einer Studie neu angenommen und brachten das „psychologische Geschlecht“ mit ins Spiel.

Männer schätzen ihre Intelligenz konsequent zu hoch ein

Laut der im Februar 2022 in Frontiers in Psychology veröffentlichten Studie „Gender Differences in Self-Estimated Intelligence: Exploring the Male Hubris, Female Humility Problem“ tendieren Männer dazu, ihren Intelligenzquotienten (IQ) öfter zu überschätzen als Frauen. Dieses Verhaltensmuster hängt den Forschenden zufolge auch damit zusammen, wie maskulin sich eine Person verhält, und nicht nur mit dem Geschlecht, mit dem sie geboren wurde.

Untersucht wurde dazu, wie konsequent Männer und Frauen ihre eigene Intelligenz einstufen. Aber auch Selbstwertgefühl sowie maskuline und feminine Persönlichkeitsmerkmale standen unter Beobachtung. David Reilly, leitender Autor und Forscher an der Griffith University, erklärt dazu in The Conversation:

„Wir fanden heraus, dass das biologische Geschlecht und dann das psychologische Geschlecht die stärksten Prädikatoren für die Überschätzung des IQ sind. Männlich geboren zu werden und starke maskuline Persönlichkeitszüge zu haben (Männer und Frauen), war verknüpft mit einem übersteigerten intellektuellen Selbstbild.“

David Reilly, Griffith University

Eine weitere Erkenntnis war der Trend, dass eher jene der untersuchten Personen mit stark ausgeprägten maskulinen Wesenszügen ihren IQ überschätzten. Insgesamt hatten 228 Menschen teilgenommen, von denen sich 103 als männlich und 125 als weiblich identifizierten.

Der Vorteil der „männlichen Selbstüberschätzung“

Bewiesen ist bereits seit langem, dass sich Männer und Frauen bei der tatsächlichen Intelligenz gleich sind. Wie Reilly bestätigt, sind „Psychologie und Intelligenzforschung eindeutig: Männer und Frauen unterscheiden sich nicht im tatsächlichen IQ. Es gibt kein klügeres Geschlecht“.

Dennoch: Bei der Befragung der Teilnehmenden empfanden sich Männer als signifikant klüger. Die Selbsteinschätzung von Frauen war dagegen deutlich bescheidener, was mit dem „Männliche Selbstüberschätzung, weibliche Bescheidenheit“-Problem übereinstimmt.

Einen Einfluss darauf haben implizite Überzeugungen, was Geschlecht und Intelligenz angeht, erklärt Reilly. So sind verdeckte und indirekte Übertragung dieser noch weit verbreitet.

Als Beispiel führt er Studien an, in denen Eltern die Intelligenz ihrer Kinder beurteilen sollten. In jedem Fall wurden Söhne als klüger eingestuft als Töchter. Die daran geknüpften elterlichen Erwartungen können das intellektuelle Selbstbild eines Kindes beeinflussen und spätere akademische Erfolge vorhersagen, sagt Reilly.

Zudem können ihm zufolge auch geschlechterspezifische Unterschiede im Selbstwertgefühl ein wichtiger Faktor sein. Mädchen und Frauen bewerten dieses demnach generell niedriger als Jungen und Männer. Der Vorteil für Letztere: Wer ein stärkeres Selbstwertgefühl hat, tendiert dazu, alle Aspekte des Lebens – und damit auch die eigenen intellektuellen Fähigkeiten – als positiver zu betrachten.

Quellen: Frontiers in Psychology: „Gender Differences in Self-Estimated Intelligence: Exploring the Male Hubris, Female Humility Problem„, The Conversation

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