Es ist ein Phänomen, das den meisten aus der Popkultur bekannt sein dürfte. Doch tauchen auch immer wieder Aussagen von Menschen mit einer Nahtoderfahrung auf, die davon berichten. Konkret heißt es, das Leben ziehe im Moment des Todes am sprichwörtlichen inneren Auge vorüber. Doch was steckt wirklich dahinter? Wie lang „überlebt“ das Bewusstsein nach dem Tod? Und was sagt die Wissenschaft dazu?

Bewusstsein nach dem Tod erstmals nachgewiesen

Ein internationales Forschungsteam ist sich sicher, dass die Mär vom Leben, das vor den Augen Sterbender vorbeizieht, der Wahrheit entspricht. Die Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler aus China, den USA, Kanada und Estland zeichneten im Rahmen ihrer Untersuchung erstmals die Gehirnaktivitäten eines sterbenden Patienten auf. Ihre Ergebnisse veröffentlichten sie im Fachjournal Frontiers in Aging Neuroscience.

Tatsächlich war es mehr oder weniger ein Zufall, der das Team zu seiner Schlussfolgerung brachte. Sie maßen die Gehirnströme eines 87-jährigen Epileptikers, als dieser plötzlich einen Herzinfarkt erlitt und starb. Somit gewann man Daten, die über den Tod des Patienten hinausgingen. Die Forscher*innen beobachteten, das die Gehirnwellen rund 30 Sekunden vor und nach dem Tod des Mannes denselben Mustern folgten, wie sie bei Träumen oder Erinnerungen zu sehen sind.

Doch sind es tatsächlich nur diese 30 Sekunden, in denen das Gehirn weiterarbeitet? Oder hält das Bewusstsein nach dem Tod je nach Todesursache möglicherweise länger an?

„Es könnte theoretisch Stunden dauern“

Möglicherweise können uns Nahtoderfahrungen etwas mehr über die Gehirnaktivitäten nach unserem (vermeintlichen) Ableben verraten. Dieser Frage geht mitunter Guillaume Thierry auf den Grund. Er ist Professor für Kognitive Neurowissenschaften an der Bangor University im Nordwesten von Wales. Thierry merkt an, dass es nach einem Herzstillstand etwa sechs Minuten dauere, bis das Gehirn durch die Unterbrechung der Blutzufuhr sterbe.

Im Rahmen eines Beitrags für The Conversation weist der Wissenschaftler mitunter auf Rattenversuche hin, die zeigten, dass das Bewusstsein der Nager schon nach wenigen Sekunden verloren geht. Die entsprechende Studie, die 2013 in den Proceedings of the National Academy of Sciences (PNAS) publiziert wurde, zeigte außerdem, dass nach rund 40 Sekunden der größte Teil der neuronalen Aktivität verschwunden war. Beim Menschen sieht das aber nochmal etwas anders aus.

„Wenn Menschen in extremen Fällen nach sechs, sieben, acht oder sogar zehn Minuten wiederbelebt werden können“, so Thierry, „könnte es theoretisch Stunden dauern, bis ihr Gehirn vollständig abschaltet.“ Um diese Frage zu beantworten, braucht es aber noch einige Untersuchungen.

Das Leben vor dem inneren Auge

Warum genau das Leben an uns Vorbeiziehen soll, wenn wir sterben? Auch dafür gibt es bislang noch keine finale Erklärung. Thierry für seinen Teil habe bereits eine Vielzahl an Theorien gehört, die dieses Phänomen erklären wollen. Doch hat er auch eine ganz eigene, recht philosophische Hypothese: „Vielleicht ist es unser wichtigster existenzieller Antrieb, den Sinn unserer eigenen Existenz zu verstehen.“

Wenn dem so sei, wäre es möglich, „dass das eigene Leben vor unseren Augen abläuft und wir […] versuchen, eine Antwort zu finden, die notwendigerweise beschleunigt wird, weil uns die Zeit davonläuft“. Unabhängig vom tatsächlichen oder nur anscheinenden Erfolg dieses unbewussten Vorhabens, müsse dies zu einer „absoluten geistigen Glückseligkeit“ führen.

Quellen: „Enhanced Interplay of Neuronal Coherence and Coupling in the Dying Human Brain“ (2022, Frontiers in Aging Neuroscience); „Surge of neurophysiological coherence and connectivity in the dying brain“ (2013, Proceedings of the National Academy of Sciences); The Conversation

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