Es ist Sommer – und damit auch Zeit für den Biergarten. Da kann es schon mal vorkommen, dass man das eine oder andere Bier über den Durst trinkt. Am nächsten Morgen dann die böse „Überraschung“, der Kater. In Großbritannien ist vor kurzem ein Medikament auf den Markt gekommen, das ebendiesem Problem vorbeugen soll. Das Mittel gegen Kater wird vor dem Trinken eingenommen und soll das Unwohlsein am darauffolgenden Tag verhindern. Kann das funktionieren?

Mittel gegen Kater – was steckt dahinter?

Binnen gerade mal einer Stunde soll das Präparat bis zu 70 Prozent des konsumierten Alkohols abbauen. Zumindest theoretisch gerät dadurch nur ein Bruchteil dessen, was du an Alkohol zu dir nimmst, in deine Blutbahn. Dadurch sollen auch die kurzfristigen Auswirkungen des Konsums reduziert werden.

Konkret handelt es sich bei dem Mittel gegen Kater um ein probiotisches Präparat. Es enthält Bacillus subtilis und Bacillus coagulans, zwei Bakterien, die als besonders darmfreundlich gelten. Sie bauen Kohlendioxid und in Wasser enthaltenen Alkohol auf natürliche Weise ab. Das Problem: Diese Eigenschaften beugen einem Kater nur bedingt vor.

Im Rahmen eines Beitrags auf The Conversation erklärt Ashwin Dhanda von der University of Plymouth, der Kopfschmerz sei in erster Linie auf die dehydrierende Wirkung des Alkohols zurückzuführen. Diesem Symptom könnte das Mittel des britischen Herstellers Myrkl tatsächlich vorbeugen. Allerdings wirkt sich Alkohol auch ganz direkt auf den Magen aus – er kann zu Bauchschmerzen und auch Übelkeit führen.

Da die Kapseln aber erst wirken, nachdem der Alkohol den Magen passiert hat und in den Darm gelangt ist, verhindern sie zumindest nicht die Reizungen, die er dort verursacht.

Myrkl: Die Wissenschaft hinter der Kater-Pille

Dhanda zufolge stützt der Hersteller die versprochene Wirkung seines Medikaments vor allem auf eine Studie. Sie erschien Mitte 2022 im Fachjournal Nutrition and Metabolic Insights und widmet sich dem Test des Mittels bei jungen Erwachsenen. Dabei griffen die Forschenden auf eine vergleichsweise kleine Stichprobe von 24 Personen zurück, die über den Zeitraum von sieben Tagen täglich eine Myrkl-Kapsel zu sich nehmen sollten. Ein Teil der Proband*innen erhielt ein Placebo.

Im Anschluss an die Einnahme konsumierten die Versuchspersonen abhängig von ihrem Gewicht eine geringe Menge Alkohol – zwischen 50 und 90 Milliliter Spirituosen. Binnen der darauffolgenden zwei Stunden maß man ihren Blutalkoholspiegel.

Tatsächlich zeigen die Ergebnisse, dass die Personen, die Myrkl erhalten hatten, nach 60 Minuten einen gut 70 Prozent niedrigeren Blutalkoholspiegel aufwiesen, als die der Kontrollgruppe. Doch reicht das wirklich aus?

Ungenaue Tests

Die geringe Größe der gewählten Stichprobe ist längst nicht das einzige Problem, das sich aus der Forschungsarbeit zu dem angeblichen Mittel gegen Kater herauslesen lässt. So weist auch Dhanda darauf hin, dass die Forschenden in ihren Ergebnissen tatsächlich nur 14 der 24 Probandinnen und Probanden behandeln. Denn die restlichen zehn hätten zu Beginn der Studie einen niedrigeren Blutalkoholspiegel aufgewiesen.

Auch andere Unstimmigkeiten sind nicht zu ignorieren. So sollten den Forscher*innen vor allem bei einer Stichprobe von nur 24 Personen starke Variationen zwischen ebendiesen ins Auge stechen. Sie können die Genauigkeit einer Studie maßgeblich beeinträchtigen. Ähnliches gilt für den vergleichsweise kurzen Testzeitraum von gerade mal sieben Tagen sowie die Schlüsse, die Myrkl offenbar aus der Studie zieht.

Denn: Das Unternehmen wirbt mit dem Einsatz der versprochenen Wirkung bei der Einnahme von zwei Pillen ein bis zwölf Stunden vor dem Trinken. Doch entspricht das nicht dem, was man im Rahmen der Studie untersucht hatte. Geprüft wurde eine andere Menge an Pillen über einen anderen Zeitraum mit einer stark begrenzten darauffolgenden Menge an Alkohol.

Studie lässt Fragen offen

Ebenfalls unbeantwortet bleiben Fragen wie:

  • Wirkt die Pille auch bei älteren Menschen?
  • Ändert sich die Wirkung im Kontext bestimmter Krankheiten?
  • Spielt es eine Rolle, ob ich rauche?
  • Wie wirkt das Mittel gegen Kater, wenn ich etwas esse?
  • Beeinflussen andere Medikamente die Wirkung?

„Die beiden Bakterien in den Myrkl-Pillen dürften für die meisten Menschen unbedenklich sein“, erklärt Dhanda. „Allerdings können Probiotika, die kranken Menschen verabreicht werden, das natürliche Gleichgewicht der gesunden Darmbakterien stören und Infektionen oder Darmbeschwerden verursachen.“

Klar: Das angebliche Mittel gegen Kater könnte womöglich helfen. Zu 100 Prozent solltest du dich aber nicht auf die Versprechen des Herstellers verlassen.

Quelle: The Conversation; „Chronic Uptake of A Probiotic Nutritional Supplement (AB001) Inhibits Absorption of Ethylalcohol in the Intestine Tract – Results from a Randomized Doubleblind Crossover Study“ (Nutrition and Metabolic Insights, 2022)

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