Fast ein halbes Jahr ist es nun her, dass russische Truppen die Ukraine überfallen haben. Noch immer scheint im russisch-ukrainischen Konflikt kein Ende in Sicht zu sein. Längst hat er sich über die Grenzen beider Kriegsparteien ausgeweitet und den Cyberspace für sich eingenommen. Auch im Orbit der Erde geht es offenbar nicht allzu friedlich zu. Im Ukraine-Krieg könnte bei Satelliten eine neuartige Waffe aus Russland zum Einsatz kommen.

Google Earth: Krona-Komplex in den Bergen entdeckt

Satellitenaufnahmen für den virtuellen Kartendienst Google Earth zeigen eine russische Basis im Nordkaukasus. Nach Informationen von The Space Review beherbergt sie Laserteleskope, die darauf ausgerichtet sind, fremde Satelliten zu blenden, die Russland überfliegen. Das neuartige System trage den Namen Kalina und sei bereits 2011 initiiert, jedoch stetig verschoben worden, heißt es weiter.

Als Teil des Krona-Weltraumüberwachungskomplexes des russischen Verteidigungsministeriums könnte das Instrument im Ukraine-Krieg noch eine wichtige Rolle spielen. Die Waffe soll sich einige Kilometer westlich von Selentschukskaja befinden – ganz in der Nähe des Observatoriums der russischen Akademie der Wissenschaften.

Aus der Vogelperspektive lassen sich sogar die einzelnen Bestandteile der Krona-Einrichtung gut erkennen. Sie besteht aus einem Radarsystem (40Zh6) und einem Lidar (30Zh6). Bei letzterem handelt es sich um einen „Laser Optical Locator“ (LOL), der sich bei den Koordinaten 43°43’2″N, 41°13’41″E auf dem Gipfel des Chapal befindet.

Lidar-Station des Krona-Komplexes im nördlichen Kaukasus
Lidar-Station des Krona-Komplexes im nördlichen Kaukasus (43°43’2″N, 41°13’41″E). © Google Earth

Widerstandsfähige „Hülle“

Die offizielle Ausschreibung für die „Spezialisierte automatisierte Teleskopanlage“ tauchte 2015 im Netz aus. Schon aus ihnen ging hervor, dass Kalina über ein Teleskop verfüge, das Laserstrahlen präzise auf Satelliten richten könne. In erster Linie ging es in dem Auftrag um das passende Gebäude, also die Hülle des LOL, und die entsprechenden Spezifikationen.

So muss das Gebäude mit der Kennung 00877S folgende Kriterien erfüllen:

  • problemloser Betrieb im Temperaturbereich von +40 bis -40 °C
  • Stabilität bei Erdbeben der Stärke 7
  • Basisdurchmesser von 7,13 Metern
  • abgedeckt von einer aus zwei Teilen bestehenden Kuppel, die binnen maximal 10 Minuten geöffnet werden kann
Aufnahme des Krona-Komplexes aus einer Dokumentation auf dem russischen Fernsehsender Zvezda. © Zvezda

Wenngleich es in der Ausschreibung auf der Webseite für öffentliches Auftragswesen in Russland lediglich um das Gebäude geht, zeigte sie schon damals Skizzen des Instruments selbst. Das Teleskop kann den gesamten Himmel vom Zenit bis zu einer Höhe von 30 Grad abtasten. Es ist auf einem langen Ausleger montiert und trägt auf seiner Oberseite zwei optische Geräte. Dabei handelt es sich um Autokollimatoren. Sie sorgen dafür, dass alle Optiken richtig ausgerichtet sind, um die Laserstrahlen sowohl zu senden als auch zu empfangen. Denn: Kalina ist ein „Sende-Empfangs“-System und nimmt daher auch Laserstrahlen auf, die vom Ziel zurückgeworfen werden.

Wie funktioniert Kalina?

Aus einem von dem Kalina-Chefkonstrukteur Aleksandr Aleksandrov mitverfassten Patent geht hervor, wie genau die Waffe funktioniert. Es behandelt eine „Vorrichtung zur automatischen Ausrichtung eines zwei-Spiegel-Teleskopsystems auf eine bestimmte Richtung der Ausgangsstrahlung“.

Über mehrere Spiegel werden demnach Laserstrahlen zur Apparatur geleitet und treten durch eine Öffnung an der Seite in das Teleskop ein. Anschließend werden sie von einem Diagonalspiegel zu einem Sekundärspiegel abgelenkt und von dort zum Hauptspiegel weitergeleitet. Dieser Spiegel ist so etwas wie eine „Abschussrampe“ für die Laserstrahlen.

Das russische Verteidigungsministerium selbst nennt Kalina einen „Kanal zur Funktionsunterdrückung optoelektronischer Systeme von Satelliten als Teil eines optischen Laserortungsgeräts SKKP 30Zh6M unter Verwendung von Festkörperlasern und eines adaptiven optischen Empfangs- und Sendesystems“.

Der Ausrichtung der Waffe dient ein System der adaptiven Optik. Es muss Bilder erzeugen, die scharf genug sein müssen, um das Ziel des Lasers klar zu erkennen. Aus einem 2012 durch das Unternehmen NPTs Femto veröffentlichten Dokument zu diesem System geht hervor, dass die Ausrichtung manuell vorgenommen werden muss. Immerhin ist es unerlässlich, dass Kalinas „Schuss“ sicher das Objektiv des angepeilten Satelliten trifft, um diesen zu blenden.

Einsatz im Ukraine-Krieg denkbar

Ähnliche Methoden machen sich die russischen Truppen bereits zunutze. Lasersysteme wie Peresvet (gegen Satellitenaufklärung) und Zadira (gegen Drohnenaufklärung) kommen schon jetzt zum Einsatz. Bei ihnen handelt es sich vereinfacht gesagt um kleine, mobile Versionen des Kalina-Systems. Bislang unklar ist, ob Kalina einsatzbereit ist oder gar schon zum Kontern geheimdienstlicher Aufklärungsaktionen eingesetzt wurde.

Die aus Systemen wie Kalina resultierenden Probleme betreffen aber nicht nur ihre Ziele selbst. Die Zerstörung eines Satelliten könne die Weltraumumgebung schädigen, indem eine gefährliche Menge an Weltraummüll entstehe, warnte die Union of Concerned Scientists schon 2012. „Darüber hinaus kann die Beeinträchtigung oder der Verlust eines Satelliten, z. B. eines Aufklärungssatelliten, einen Konflikt schnell eskalieren lassen oder andere unvorhersehbare und gefährliche Folgen nach sich ziehen.“

Es bleibt abzuwarten, wie sich Waffen wie diese auf den russisch-ukrainischen Konflikt und künftige Kriege auswirken werden.

Quelle: The Space Review; Google Earth; TenderGuru; YouTube/World Video Channel; Russisches Patentamt; Verteidigungsministerium der Russischen Föderation; NPTs Femto; Union of Concerned Scientists

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