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Ist „The Last of Us“ realistisch? Die wahren Risiken einer Pilz-Pandemie

Pilz-Infektionen gibt es in kleinerem Rahmen auch beim Menschen. Doch sind sie auch im Stile von „The Last of Us“ möglich?

KI-generiertes Bild eines Mannes mit Pilz-Infektion
u00a9 Art-AI47 - stock.adobe.com

"The Last of Us Part II" Trailer

Das Survival-Horror-Spiel "The Last of Us Part II" ist im Juni 2020 für die PlayStation 4 erschienen.

Seit Beginn der Corona-Pandemie ist die Epidemiologie weltweit in den Fokus gerückt. Virologische Fragen, über die wir uns früher kaum Gedanken gemacht haben, sind im Laufe der vergangenen Jahre fester Bestandteil unseres Alltags geworden. Eine aber wurde bislang kaum behandelt: Was, wenn wir es nicht mit einem Virus, sondern einem anderen submikroskopischen Infektionserreger zu tun haben? Was, wenn sich eine Pilz-Infektion zur Pandemie entwickelt?

Pilz-Infektion wie in „The Last of Us“: Ist das realistisch?

Mit dem Release des Videospiels „The Last of Us“ machte Entwickler Naughty Dog 2013 ebendiese Fragen auf. 2023 , rund zehn Jahre nach der Erstveröffentlichung, ging die gleichnamige Fernsehserie auf HBO an den Start und rückte das Szenario der Pilze, die Menschen in Zombies verwandeln, abermals in den popkulturellen Fokus.

Was zunächst völlig abwegig klingt, basiert tatsächlich auf einigen Funken Wahrheit. Denn aus dem Tierreich sind uns solch außergewöhnliche Pilz-Infektionen bereits bekannt. Ophiocordyceps unilateralis etwa wächst auf Ameisen und manipuliert deren Verhalten. Doch ist sowas auch beim Menschen möglich? Und könnte daraus eine Pandemie entstehen?

Zombie-Pilze einst auch in Nordeuropa

„Viren machen uns vielleicht krank, aber Pilze verändern unseren Verstand. Es gibt einen Pilz, der Insekten befällt – Ameisen zum Beispiel. Über den Blutkreislauf gelangt der Pilz in das Gehirn des Insekts und flutet es mit Halluzinogenen. Auf diese Weise erlangt er die Kontrolle über die Ameise. Der Pilz beginnt, das Verhalten der Ameise zu lenken, er steuert ihre Bewegungen wie ein Puppenspieler eine Marionette.

Und es kommt noch schlimmer: Der Pilz muss sich ernähren. Also beginnt er, seinen Wirt von innen heraus aufzufressen und ersetzt das Gewebe der Ameise durch das seine. Aber er lässt seine Opfer nicht verenden, nein. Er hält seine Marionette am Leben, indem er den Verwesungsprozess verhindert.“

Dr. Neuman (John Hannah) in „The Last of Us“

Diese Worte des fiktiven, von John Hannah gespielten Epidemiologen Dr. Neumann können einem schonmal einen Schauer über den Rücken jagen. Wie bereits erklärt entspricht die von ihm beschriebene Art des Parasitismus durchaus der Realität. Forschende der Universitäten Bonn und Harward gehen davon aus, dass dieser Pilz täglich „Millionen von Ameisen in willenlose Zombies“ verwandle, heißt es in einer Pressemitteilung.

Schon 2010 veröffentlichte ein Forschertrio bestehend aus David Hughes, Torsten Wappler und Conrad Labandeira eine entsprechende Studie im Fachjournal Biology Letters der Royal Society. Darin kommen sie zu dem Schluss, dass es diese Art der Pilz-Infektion, die heute vornehmlich in asiatischen Regenwäldern auftaucht, vor rund 50 Millionen Jahren auch in Nordeuropa gegeben haben könnte.

„Viele, viele Hürden“

„Der Pilz kann nicht überleben, wenn die Körpertemperatur des Wirts über 34 Grad liegt. Und bislang müssen Pilze sich nicht an höhere Temperaturen evolutionär anpassen. Aber was, wenn sich das ändert? Was, wenn, sagen wir, die Welt nur um einen Hauch wärmer würde? Das würde eine evolutionäre Anpassung nötig machen.

Es muss nur ein Gen mutieren und Ascomycota, Mutterkorn, der Cordyceps aspergillus – jeder davon könnte die Fähigkeit entwickeln, sich in unser Gehirn zu fressen und uns zu steuern.

Ich spreche nicht von Millionen, ich spreche von Milliarden Menschen, Milliarden von hirnvergifteten Marionetten, die allesamt und für alle Zeit nur ein Ziel verfolgen: Die Weiterverbreitung der Infektion bis zum letzten lebenden Menschen, koste es, was es wolle.“

Dr. Neuman (John Hannah) in „The Last of Us“

Dass bestimmte psilocybinhaltige Pilze auch das menschliche Gehirn beeinflussen können, ist bekannt. Sogenannte „Magic Mushrooms“ bewirken Halluzinationen – ähnliches gilt für Lysergsäurediethylamid (LSD), das aus dem Mutterkornpilz gewonnen wird. Mit ihm forschte etwa die CIA im Rahmen des geheimen MK Ultra-Programms von den 1950er bis in die ’70er Jahre an Möglichkeiten der Verhaltenskontrolle beim Menschen, allerdings ohne Erfolg.

Ähnlich geringe Erfolgschancen sieht der Leiter der Abteilung für Pilzkrankheiten bei den US Centers for Disease Control and Prevention (CDC), Tom Chiller, für eine Pilz-Infektion durch Ophiocordyceps unilateralis beim Menschen – trotz Klimawandel.

Im Interview mit Business Insider erklärt der Wissenschaftler, „dass es viele, viele Hürden gibt, die überwunden werden müssen.“ Ameisen und Menschen seien grundverschieden. „Wir haben Immunsysteme, wir leben bei unterschiedlichen Temperaturen, unsere Körpertemperatur ist viel höher. Es gibt also einige grundlegende Dinge, die für diesen speziellen Pilz äußerst schwer zu überwinden sind.“

Kein Impfstoff gegen Pilz-Infektionen

„Man kann dem nicht vorbeugen, es nicht behandeln, es gibt keine Medikamente – gar keine. Sie herzustellen wäre schlichtweg unmöglich. [Wenn so etwas passiert,] dann verlieren wir.“

Dr. Neuman (John Hannah) in „The Last of Us“

Im Jahr 1968, in dem die „The Last of Us“-Szene spielt, gibt es tatsächlich keine Medikamente gegen Pilz-Infektionen. Auch heute gibt es nur einige wenige – Impfungen gibt es keine. „Das Problem mit den Pilzen ist, dass wir nicht viel in unserem Werkzeugkasten haben, um sie zu kontrollieren“, zitiert Business Insider auch David Hughes, der Cordyceps studiert hat und als Berater für das Videospiel „The Last of Us“ tätig war.

Sollte sich aus einer solch bizarren Form des Parasitismus also wider Chillers Erwartungen eine Pandemie entwickeln, dürfte es ausgesprochen schwierig werden, diese einzudämmen – ähnlich dem in der neuen HBO-Serie gezeichneten Schreckensszenario. Ein Grund zur Sorge ist die Erzählung, wie der CDC-Wissenschaftler beschreibt, dennoch nicht.

Quellen: „The Last of Us“ (HBO); Informationsdienst Wissenschaft; „Ancient death-grip leaf scars reveal ant–fungal parasitism“ (Biology Letters, 2010); Business Insider

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