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„Oppenheimer“: Film fehlt wohl tödlichste Gefahr von Atomwaffen – aus gutem Grund

Der Film „Oppenheimer“ erzählt die Geschichte von der ersten Atombombe und seinem Schöpfer. Doch über eine Folge dieser Technologie wird im gesamten Streifen geschwiegen.

Oppenheimer Silhouette vor Atomexplosion
u00a9 Ulia Koltyrina - stock.adobe.com

Die Strahlungsschäden von Tschernobyl und Fukushima

Das sind Strahlungsschäden der Atomkraftwerk-Katastrophen von Tschernobyl und Fukushima.

Aktuell begeistert „Oppenheimer“ das weltweite Kino-Publikum. Im Fokus steht der amerikanische Physiker J. Robert Oppenheimer, der auch als „Vater der Atombombe“ bekannt ist. Neben seiner im Zwiespalt befindlichen Figur geht es natürlich auch um die monströse Waffe, die er geschaffen hat und die zu diesem Zeitpunkt herausragende wissenschaftliche Innovation dahinter. Doch zu den Anfängen der Nukleartechnologie wusste man noch nicht alles über das radioaktive Material.

„Oppenheimer“ erwähnt nuklearen Winter nicht

Bei der Erfindung der Atombombe, wie sie auch in „Oppenheimer“ dargestellt wird, wusste man um die verheerende Explosionswirkung. In dem Nolan-Streifen sieht man die schlimmsten Alpträume des Physikers: riesige Atompilze und kilometerweite Strahlungswellen, die ganz Europa verschlingen, sind jene Bilder, die sich auch in die Köpfe der Zuschauenden eingebrannt haben. „Jetzt bin ich der Tod geworden, der Zerstörer der Welten“, soll der echte Oppenheimer nach den ersten Atomwaffentests gesagt haben.

Auch wenn ihm also die Tragweite seiner Erfindung bewusst schien, fehlten ihm während des Manhatten-Projekts von 1942 bis 1945 wichtige Informationen. Weitere Folgen der Strahlung, die über Jahrhunderte anhalten können, kannte man zu diesem Zeitpunkt nämlich noch nicht. Erst mit weiteren Atomwaffentests ab den 1980ern setzte man sich mit dem Phänomen auseinander, das wir heute „nuklearen Winter“ nennen.

Erste Studie zu nuklearem Winter 1983

Der nukleare Winter beschreibt eine Folge, die erst nach der Explosion mehrerer Atomwaffen einsetzen würde. Beim nuklearen Winter handelt es sich also um das Schreckensszenario nach dem Beginn eines Atomkriegs. Erstmalig erforschte man diese langfristigen Folgen eines Atomkriegs in den 1970er Jahren. Im Jahr 1983 erschien dann die TTAPS-Studie in den USA, die auch den Begriff des nuklearen Winters prägte, weiß Chemie.de.

Durch die Sprengungen etlicher Atomwaffen wird massenhaft Staub in die Atmosphäre geblasen. Es kommt zu einer massiven Verdunklung des Himmels. Zudem wüten etliche Brände in Wäldern und Städten. Dabei verbrennen auch Öle und Kunststoffe, die für weiteren Smog und einen dichten Nebel sorgen. Dieser Nebel wird wochenlang anhalten und ist so dicht, dass das Sonnenlicht kaum die Erde erreicht. Es wird kühl.

Zwar klart der Himmel irgendwann wieder auf, doch der nukleare Fallout hat vielerorts enormen Schaden angerichtet, die Atombomben haben etliche Orte auf der Welt verstrahlt. Flächendeckende Ernteausfälle sind die Folge. Globale Hungersnöte fordern weitere Opfer.

„Atomwaffen sind die größte Gefahr, der die Welt ausgesetzt ist“

Das heißt: Selbst wenn man die Explosionen sowie den darauffolgenden gesellschaftlichen, politischen und wirtschaftlichen Kollaps überlebt, ist die Oppenheimer-Erfindung bereits zum Todesurteil geworden. Wenn die Erde von der Feuerwalze abgekühlt ist, kommen die wahren Konsequenzen der nuklearen Sprengkörper erst richtig zum Tragen.

„Atomwaffen sind die größte Gefahr, der die Welt ausgesetzt ist, und das schon seit langem, aber wir haben sie vergessen“, erklärt Alan Robock, Professor an der Rutgers University und Pionier der nuklearen Winterforschung daher gegenüber Business Insider.

Neuere Daten, die seit 1983 durch Modellierungen erzeugt wurden, zeigen etwa, dass weder Fische noch Nutztiere an Land in der Lage wären die Menschheit zu ernähren, wenn die Ernte ausfällt. Forschende prognostizieren, dass bei einem Atomkrieg zwischen Russland und den USA fünf Milliarden Menschen im Anschluss verhungern würden. Das sind etwas weniger als zwei Drittel der Weltbevölkerung. Nach dem Atomschlag würden also schätzungsweise zehnmal mehr Menschen sterben als durch den Aufschlag im kritischen Radius einer Atombombe.

Kein begrenzter Atomkrieg möglich

Doch auch wenn „nur“ zwischen Indien und Pakistan ein Atomkrieg ausbrechen würde, würde das zwei Milliarden Menschen das Leben kosten. Forschende glauben daher nicht an einen lokal begrenzten Atomkrieg.

Robock hat eine Hoffnung, die sich durch die Verfilmung von Oppenheimers Geschichte ergibt: „Ich hoffe, dass [der Film] die Leute dazu bringt, Fragen zu stellen, warum wir immer noch Atomwaffen haben, wie sie möglicherweise eingesetzt werden könnten und warum wir sie brauchen würden“.

Quelle: Business Insider, „Global food insecurity and famine from reduced crop, marine fishery and livestock production due to climate disruption from nuclear war soot injection“ (nature, August 2022), Chemie.de

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