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Tschernobyl: Diese Wölfe sind mutiert – und haben jetzt ungewöhnliche Fähigkeiten

35 Jahre nach der Explosion des Kernreaktors in der Stadt beschreiben Forschende eine Veränderung bei vor Ort lebenden Tieren. Diese erlaubt spannende Spekulationen.

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Wenn Zellen Amok laufen - Wie entsteht Krebs?

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1986 explodierte ein Kernreaktor im Kernkraftwerk Tschernobyl, wobei krebserregende Strahlung und verstrahlte Trümmer in die Umwelt gelangten und der weltweit schlimmste Atomunfall verursacht wurde. Heute ist klar, das Unglück hatte auch ungeahnte positive Folgen.

Tschernobyl: So hat es Wölfe verändert

Die Sperrzone von Tschernobyl (Chernobyl Exclusion Zone, CEZ) ist ein 1.000 Quadratkilometer großer Teil der Umgebung, der chronisch der Strahlung ausgesetzt ist und von den Menschen verlassen wurde. Wildtiere wie Pferde und Wölfe sowie Wälder und Pilze haben sich dort jedoch längst wieder angesiedelt.

Cara Love, Evolutionsbiologin und Ökotoxikologin im Labor von Shane Campbell-Staton an der Princeton University, untersucht wie Wölfe in der Region trotz jahrzehntelanger Strahlenbelastung und der Anhäufung radioaktiver Partikel in ihrem Körper überleben und sich weiter fortpflanzen. Das berichtet die Society for Integrative and Comparative Biology.

Ihre Forschungsergebnisse zeigen, dass sich die Tiere genetisch von ihren Artgenossen außerhalb unterscheiden. Demnach haben sie anscheinend schützende Mutationen entwickelt, die ihre Chancen, Krebs zu überstehen, erhöhen.

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So gingen die Forschenden vor

Im Jahr 2014 begaben sich Love und ihre Kolleg*innen erstmals in die CEZ und entnahmen den Wölfen Blutproben, um ihre Reaktionen auf krebserregende Strahlung zu untersuchen. Einigen Tieren wurden außerdem Funkhalsbänder angelegt, um Informationen über ihren Aufenthaltsort und ihre Strahlenbelastung zu sammeln.

„Wir erhalten Echtzeitmessungen darüber, wo sie sich aufhalten und wie viel [Strahlung] sie ausgesetzt sind“, so Love. Die Untersuchungen ergaben, dass die Wölfe in der CEZ ihr ganzes Leben lang jeden Tag einer Strahlung von mehr als 11,28 Millirem ausgesetzt sind. Das ist mehr als das Sechsfache des gesetzlichen Grenzwerts für menschliche Arbeitnehmer*innen.

Die Forschenden stellten zudem fest, dass die Wölfe ein verändertes Immunsystem haben, ähnlich wie Patienten, die sich einer Strahlenbehandlung wegen Krebs unterziehen. Darüber hinaus legen genetische Analysen nahe, dass Teile des Wolfsgenoms eine gewisse Widerstandsfähigkeit gegen Krebs entwickelt haben.

Ähnliche Befunde wurden auch bei den Hunderten von halbwilden Hunden festgestellt, die in der CEZ leben. Im Jahr 2023 stellten Wissenschaftler*innen fest, dass sich die freilaufenden Hunde von Tschernobyl genetisch von Haushunden in anderen Teilen der Welt unterscheiden.

Folgen für uns Menschen

Loves Entdeckung könnte Auswirkungen auf die menschliche Gesundheitsforschung haben. Die Forscherin hofft, dass sich mit ihren Erkenntnissen schützende Mutationen identifizieren lassen, die die Überlebenschancen von Menschen bei Krebs erhöhen. Aktuell muss sie mit ihren Untersuchungen vor Ort allerdings pausieren.

Die Corona-Pandemie und der anhaltende Krieg mit Russland hat sie und ihre Mitarbeitenden daran gehindert, in die CEZ zurückzukehren. Es ist ungewiss, ob und wann sie ihre Arbeit wieder aufnehmen können. Ihre bisherigen Ergebnisse hat Love derweil im Januar auf der Jahrestagung der Society of Integrative and Comparative Biology in Seattle, Washington, vorgestellt.

Quellen: Society for Integrative and Comparative Biology

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