Bereits in den frühen 2010er Jahren wurde die Kritik unter WhatsApp-Nutzer*innen groß, dass der bekannte Messenger seine Nachrichten nicht verschlüssle. Schnell suchten Fans von Chat-Diensten Alternativen. 2013 gründete der Russe Pawel Durow Telegram. Was zuerst als eine Antwort auf ungeschützte Nachrichtenflüsse und einem staatlich reglementierten Internet gesehen wurde, sorgt heute für allerhand Schwierigkeiten. Aber was ist Telegram?

Was ist Telegram? Mehr als nur ein Messenger

Wenn dir WhatsApp zu unsicher ist, dann wechsle zu Telegram. Das war der Tenor der frühen 2010er Jahre. Denn während WhatsApp mit massiven Sicherheitslücken zu kämpfen hatte, scharte der russische Messenger bereits eine gehörige Basis an Unterstützer*innen um sich. Vermutlich war die Gründung von Telegram auch eine Antwort auf die stetig wachsende Internetzensur in Russland. So verboten die Behörden bereits 2013 Inhalte auf YouTube oder die Website eines russischen Oppositionellen.

Im März 2018 urteilte der oberste russische Gerichtshof, dass Telegram verschlüsselte Nachrichten dem Inlandsgeheimdienst FSB offenzulegen habe. Nachdem sich der Konzern um Durov weigerte, sperrte die russische Zensurbehörde Roskomnadsor mehr als 16 Millionen IP-Adressen, um den Messenger lahmzulegen. Der Hauptsitz des Unternehmens wechselte daraufhin nach Dubai. Wie es auf der Website von Telegram heißt, musste das russische Entwickler*innen-Team „aufgrund lokaler IT-Bestimmungen“ Russland verlassen.

Was Telegram genau ist, kann nicht eindeutig beantwortet werden. Auf alle Fälle ist es ein Messenger, der sich jedoch wie ein eigenständiges Netzwerk im Chat-Fenster gibt. Dabei betont das Unternehmen immer wieder, wie wichtig die persönliche Privatsphäre und Meinungsfreiheit sei. So können Einzelpersonen etwa Gruppenchats mit bis zu 200.000 Mitgliedern erstellen und Inhalte ungefiltert versehden. Über diese Kanäle organisieren sich nicht zuletzt auch viele Gruppen. Daher ist der Messenger auch eine Art soziales Netzwerk.

Darüber hinaus stellte Telegram Funktionen vor, die zwar nur kleine Änderungen beinhalteten, aber Messenger nachhaltig prägten, wie etwa:

  • Bearbeitung bereits abgesendeter Nachrichten
  • Verbindung mit User*innen ohne Angabe der Telefonnummer
  • sogenannte Geheime Chats und Selbstzerstörung von Nachrichten
  • mehrere Konten auf einem Gerät möglich
  • Wiedergabe der App auf sämtlichen Endgeräten wie Laptops, Tablets und Mobiltelefonen

Die Sicherheit des Messengers

Gerade die geheimen oder geschlossenen Chat-Verläufe erhielten von der Community viel Zuspruch, da sie das Versenden von verschlüsselten Nachrichten zuließen. Telegram nutzt dafür die von Signal eingeführte Ende-zu-Ende-Verschlüsselung. Die Server des Dienstleister speichern diese Daten nicht. Die Sache hat jedoch einen Haken: Die Ende-zu-Ende-Verschlüsselung muss für jeden Kontakt einzeln eingestellt werden. Sie ist für sämtliche Kontakte nicht standardisiert eingestellt. Für Gruppenchats gibt es darüber hinaus keine Verschlüsselung.

Und trotz Verschlüsselung und dem Versprechen völliger Privatsphären, behält sich Telegram vor, deine Metadaten zu erfassen. Somit speichert der Konzern unter anderem deine IP-Adresse. Außerdem erhält Telegram einen vollständigen Zugriff auf deine Kontakte. In einem gesonderten Beitrag haben wir für dich die wichtigsten Gründe gesammelt, warum du Telegram löschen solltest.

Problematische Meinungsfreiheit

Der Ruf hat sich gewandelt, doch leider nicht zum Besseren. Gerade die Sicherheitsmechanismen des Messenger sind es, die jedoch nicht nur unbescholtene Bürger*innen anlocken. So tummeln sich seit wenigen Jahren auch immer häufiger Rechtsextreme und Verschwörungstheoretiker*innen auf Telegram. Diese profitieren davon, dass sämtliche Inhalte ohne Datenbeschränkung in die jeweiligen Chats geladen werden können.

RP Online bezeichnet Telegram nicht ohne Begründung als das „Darknet für die Hosentasche“, schließlich planten in einem Telegram-Chat Anhänger*innen der rechten Szene die Ermordung des sächsischen Ministerpräsidenten Michael Kretschmer. Darüber hinaus ist der Messenger zum Sammelbecken für Beteiligte der Querdenkerszene geworden. Und obwohl all diese Meldungen bestätigt sind, präsentiert der Web-Auftritt des Messengers ein verspieltes Paradies der Möglichkeiten mit all den tollen Stickern und Gif’s, die man versenden könne.

Wer sich mit Telegram beschäftigt, muss sich zwangsläufig die Frage stellen, wie weit Meinungsfreiheit gehen darf. Denn im Gegensatz zu Facebook und WhatsApp löscht Telegram Falschmeldungen und sogenannte Fake News nicht. Sie bleiben auf den Kanälen und jede*r Nutzer*in kann sie teilen. Da für die App keinerlei Moderation angedacht ist, können sich so die wildesten Thesen ungehindert weiterverbreiten.

Was ist Telegram?

Telegram ist am Ende ein Messenger, der gewisse Extras bietet, vor denen Anbieter wie WhatsApp noch zurückschrecken. So sind Gruppen mit bis zu 200.000 Mitgliedern möglich und es können unbegrenzte Datenmengen versendet werden. Außerdem können User*innen mehrere Profile gleichzeitig nutzen und die App von verschiedenen Endgeräten aus bedienen.

Die von den Machern hochgehaltene Meinungsfreiheit und Sicherheit des Messengers ist und bleibt jedoch ein zweischneidiges Schwert. Meinungsfreiheit bedeutet für den Gründer Pavel Durov, dass Informationen der Internetzensur autoritärer Staaten entgehen. Ein Fact Checking, also die redaktionelle Aufbereitung fragwürdiger Inhalte, beinhaltet diese Idealvorstellung nicht. So nutzen radikale Gruppierung die kleine blaue App, um Falschmeldungen und antidemokratische Hetze zu verbreiten.

Es zeigt sich, dass der Messenger Telegram ein äußerst widersprüchliches Angebot liefert. Mit der Möglichkeit allein hunderttausende User*innen in einem Chat zu verbinden, agiert es wie ein soziales Netzwerk. Gleichzeitig will die App ein unschuldiger Messenger sein, dessen größte Errungenschaft es scheint, Gif’s direkt im Chat zu suchen. So changiert die App zwischen demokratiezersetzendem Werkzeug und einem Bespaßungstool, das eine einfache Bedienung und mehr Privatsphäre verspricht.

Quellen: eigene Recherche, RP Online, Netzpolitik.org, Süddeutsche Zeitung, Telegram, t-online

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