Seit mehr als 30 Jahren gibt es sie schon in Japan, seit kurzem ist die Serie auf Netflix zu sehen: „Old Enough!“. In Japan heißt sie „Hajimete no Otsukai“. Darin geht es um Kleinkinder zwischen zwei und sechs Jahren, die erstmals ganz alleine für Besorgungen losgeschickt werden. Eine Kinderpsychologin warnt vor der Sendung. Wir müssen jedoch den kulturellen Hintergrund bedenken.

Netflix: Darum geht’s in „Old Enough!“

„In dieser beliebten und erfolgreichen Realityshow aus Japan erledigen Kinder erstmals allein verschiedene Besorgungen und werden dabei von der Kamera begleitet“, beschreibt Netflix die Serie. 20 Folgen sind dort verfügbar. Doch diese sind mit Vorsicht zu genießen, wenn es nach der Kinderpsychologin Christina Häberlin von der Eltern- und Kinderberatungsstelle Pincchio in Zürich geht.

Gegenüber Blick äußert sie Zweifel an der Echtheit der Serie.

„Das ist totaler Quatsch. Das kann kein Kind in dem Alter alleine bewerkstelligen. Der Kleine würde nicht einmal so weit weg von Zuhause ohne seine Mutter gehen und wenn, dann würde er sicher sehr schnell anfangen zu weinen.“

Christina Häberlin

In ihren Augen ist es verantwortungslos eine solche Serie zu produzieren. So sehen wir etwa den kleinen Hiroki, der entlang einer Schnellstraße neben einem Bus herläuft, die Straße überquert und alleine zum Supermarkt geht.

„Es ist so gefährlich, wenn Eltern das sehen, glauben, auch ihr Kleinkind wäre so schlau und so etwas ausprobieren. Das darf man auf keinen Fall nachmachen.“

Christina Häberlin

Das steckt hinter der Serie

Laut Der Standard werden die jeweiligen Kinder in der Sendung nach einem aufwendigen Auswahlverfahren ausgesucht. Zudem würden sowohl die Eltern als auch die Mitarbeiter*innen gemeinsam die Route ablaufen, bevor sie das Kind läuft. Zudem würde dem Kamerateam und den Aufpasser*innen einen Versteck zugewiesen.

„Es gibt laut japanischen Medienberichten sogar Fälle, bei denen Kinder, die in der amüsanten Doku in der Vergangenheit aufgetreten waren, heute selbst Eltern sind und sich nun das gleiche Abenteuer für ihre Kinder wünschen“, schreibt Der Standard.

Doch für die Kinderpsychologin Christina Häberlin würde man sich über die Kinder lustig machen. „Der Junge hier wird gezeigt wie eine Comic-Figur. Und er kann sich nicht dazu äussern [sic], ob er das möchte oder nicht.“ Außerdem kritisiert sie das Verhalten der Eltern. Dieses sei kalt und nicht nachhaltig. So würden die Kinder weder etwas aus den Aufgaben lernen, noch würden sie an ihnen wachsen. Im Gegenteil: „Sie sind mit solchen Aufgaben nur überfordert.“

Aber: In Japan allein laufende Kinder normal

Bei der Kritik der Kinderpsychologin müssen wir jedoch bedenken, dass es in Japan, anders als etwa in Deutschland, nicht ungewöhnlich ist, dass Kinder alleine durch die Stadt laufen. 2015 heißt es bei Bloomberg, dass es zum normalen Stadtbild gehört, dass sechsjährige Kinder alleine den Nahverkehr nutzen, um zur Schule zu kommen.

Das Maß an Selbstständigkeit bei kleinen Kindern, das wir in Deutschland eher nicht gewohnt sind, ist laut dem Kulturanthropologen Dwayne Dixon ein „Gruppen-Verlass“ (Englisch: „group reliance“).

Laut Dixon lernen japanischen Kinder früh, „dass im Idealfall jedes Mitglied der Gemeinschaft angesprochen werden kann, um anderen zu helfen“. Ein Kind das also alleine in der Öffentlichkeit unterwegs ist, weiß, dass es sich im Notfall auf andere Menschen verlassen kann.

Zudem sei zu bedenken, dass Japan eine niedrige Kriminalrate aufweise. Das sei sicherlich der Hauptgrund dafür, dass Eltern zuversichtlich sind, ihre Kinder alleine in die Öffentlichkeit zu schicken.

Reaktionen auf „Old Enough!“

Ein Blick auf Twitter zeigt, dass die Serie auf Netflix offenbar sehr gemocht wird. „Old Enough!“ bringt außerdem einige Zuschauer*innen zum Weinen.

„Schaut sonst noch jemand Old Enough auf Netflix???? Bitte sagt mir, warum ich weine“

@THEEvminist via Twitter

„Wenn du einen schlechten Tag hast, schau dir Old Enough auf Netflix an.“

@tinytravelgal via Twitter

„Wenn du auf Netflix nicht Old Enough schaust, verpasst du die Chance, in dieser kalten, sterbenden Welt ein kurzes Stück Glück zu genießen“

@oscarsqueen via Twitter

„Omg kennt ihr #oldenough (Netflix)? Haben gestern die ersten paar Folgen angeguckt und sind jetzt schockverliebt in die superstolzen Kleinkinder die nach mehr oder weniger langen Umwegen verschiedene Alltagsaufgaben ganz allein erledigen.“

@K1undich via Twitter

Weiteres rund um Netflix

Kürzlich wurde bekannt, dass der Hauptdarsteller einer Netflix-Serie gefeuert wurde – und das, nachdem die Dreharbeiten schon zur Hälfte abgeschlossen waren. Wusstest du schon, dass morgen die am längsten laufende Netflix-Serie enden wird? Und darum solltest du unbedingt die neue Netflix-Kategorie durchstöbern.

Quellen: Blick, Der Standard, Bloomberg, Twitter

Seit dem 24. Februar 2022 herrscht Krieg in der Ukraine: Hier kannst du den Betroffenen helfen.

Du willst mehr von uns lesen? Folge uns auf Google News.