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Neuer Kalter Krieg? Entdeckung freundlicher Aliens könnten ihn bewirken

Aliens halten nicht nur die Popkultur, sondern auch die Forschung auf Trab. Doch was passiert, wenn wir sie entdecken?

Ein Außerirdischer.
Könnten Aliens so aussehen? © Getty Images / vchal

Seit Jahrzehnten schon suchen die Menschen nach außerirdischem Leben. Die meiste Zeit befassen wir uns dabei mit der Suche selbst anstelle der Konsequenzen, die folgen, wenn wir es letztlich finden. Dieser Punkt wird in erster Linie in Science-Fiction-Erzählungen aufgegriffen. Doch lassen selbst diese häufig einen wichtigen Faktor außer Acht, wenn es um den Kontakt mit Aliens geht.

Aliens: Was passiert, wenn wir sie entdecken?

Meist zeigen uns Filme und Serien die Probleme, die damit einhergehen könnten, wenn wir auf uns feindlich gesonnene Außerirdische treffen. Am Ende resultieren sie in Geschichten, die sich wohl mit dem Eintreffen der Europäer in Amerika vergleichen lässt – nur dass wir als Spezies in diesem Fall die technisch weniger weit entwickelte Zivilisation darstellen.

Seltener behandelt die Popkultur hingegen die Risiken, die mit dem Kontakt zu einer zunächst friedliebenden, intelligenten Spezies einhergehen könnten. Im Rahmen einer 2020 im Fachjournal Space Policy veröffentlichten Studie stellten sich der Geowissenschaftler Kenneth W. Wisian und der Anthropologe John W. Traphagan der Frage nach den möglichen realpolitischen Konsequenzen eines solchen Zusammentreffens.

Realpolitik geht von der Grundannahme aus, Werte und Mittel seien stets verhandelbar, solange ein bestimmtes Ziel erreicht werden soll. Eines der wohl bekanntesten Beispiele für dieses Konzept ist die Zusammenarbeit der Alliierten mit der Sowjetunion während des Zweiten Weltkriegs. Beide Parteien verfolgten ein gemeinsames Ziel: die Zerschlagung des Dritten Reichs. Dafür stellten sie ihre gegenseitigen Diskrepanzen hintenan.

„Messbares Risiko eines Konflikts“

Zunächst einmal würde eine erfolgreiche SETI (Search for Extraterrestrial Intelligence)-Mission viel Aufsehen auf sich ziehen. Immerhin hieße das, dass wir zum ersten Mal in der Geschichte der Menschheit abseits der Erde auf intelligentes Leben träfen. Für viele stark religiöse Menschen würde womöglich eine Welt zusammenbrechen, für die Wissenschaft wäre es ein unvorstellbarer Erfolg. Alles in allem würde das Leben auf unserem Planeten aber früher oder später wieder seinen gewohnten Lauf nehmen.

Interessant wird es, wenn man sich an jene Orte begibt, an denen nun bestimmt wird, wie mit dieser Entdeckung umzugehen ist: das Europäische Parlament, der Kreml oder etwa das Oval Office. Immerhin dürfte es eine nicht unwesentliche Rolle spielen, wer den Erstkontakt initiieren darf. Der Staat, dem das gelingen würde, hätte eine Art Monopol auf die Kommunikation mit den Aliens.

Das Problem besteht nun darin, dass dieses Recht mit großer Sicherheit nicht nur eine einzige Nation, ein einziges Staatsoberhaupt für sich beanspruchen dürfte. Für Wisian und Traphagan geht allein aus diesem Umstand bereits „ein messbares Risiko eines Konflikts“ hervor. „Diese Möglichkeit muss bei der Analyse der potenziellen Risiken und Vorteile des Kontakts mit ETI berücksichtigt werden“, schreibt das Duo.

Mehr Sicherheit für SETI-Projekte

Aus Sicht der Forschenden sind realpolitische Überlegung bei der Planung einer erfolgreichen SETI unerlässlich. Vor allem in puncto Sicherheit müsse man an dieser Stelle stark nachrüsten. Konkret nennen die beiden dafür mitunter folgende Beispiele:

  • Beobachtungseinrichtungen, etwa Radioteleskope, benötigen ähnliche Sicherheitsmaßnahmen wie Kernkraftwerke
  • Forschungseinrichtungen und deren Angestellte benötigen besseren Schutz – auch durch örtliche Strafverfolgungsbehörden
  • Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler aus dem Bereich SETI benötigen Personenschutz

Allerdings teilt längst nicht die gesamte wissenschaftliche Gemeinschaft die Ansichten der 2020 veröffentlichten Forschungsarbeit. Ganz im Gegenteil: Forschende der Universitäten Penn State, Spring Hill und Harvard wollen die Arbeit von Wisian und Traphagan im Rahmen einer 2022 veröffentlichten Studie widerlegen.

Riskante Abschottung

„Das Vorhandensein von gehärteten Einrichtungen und abgeschotteten Informationsflüssen könnte von Außenstehenden als Beweis dafür interpretiert werden, dass in dieser Gemeinschaft oder Einrichtung weltverändernde Aktivitäten stattfinden“, konstatiert das Team.

Der Behauptung, es könne realpolitische Reaktionen auf die Entdeckung von Aliens geben, bestreitet das Trio um Jason T. Wright, Professor für Astronomie und Astrophysik, nicht. Allerdings haben die Forschenden „Bedenken hinsichtlich der Darstellung des realpolitischen Paradigmas durch W&T“.

Ihnen zufolge sei es höchst unwahrscheinlich, dass eine einzige Nation die Kommunikation mit den Aliens erfolgreich monopolisieren könnte. Weit realistischer, aber nicht minder bedrohlich, sei die Vorstellung, dass eine Nation davon ausgehe, die Kommunikation monopolisieren zu können. Tatsächlich aber sei internationale Zusammenarbeit an dieser Stelle unerlässlich.

Zusammenhalt statt Spaltung

„Auch wenn es gute Gründe gibt, umfangreiche Sicherheitsmaßnahmen für Einrichtungen an sich zu vermeiden, gibt es andere Gründe, Sicherheitsmaßnahmen zu ergreifen, um die SETI-Praktiker selbst zu schützen, insbesondere im Falle einer Entdeckung“, so Wright und seine Mitforschenden.

Eine realpolitische Reaktion auf ein Kontaktszenario sei erwägenswert, doch sei es nur eine von vielen möglichen, teils besseren Reaktionen. Besonders heben sie Antworten hervor, „die Zusammenhalt oder eine stärkere Zusammenarbeit auf der Ebene der internationalen Beziehungen erzeugen könnten“.

Quellen: „The Search for Extraterrestrial Intelligence: A Realpolitik Consideration“ (2020, Space Policy); „Geopolitical Implications of a Successful SETI Program“ (2022, arXiv)

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