Angeheizt durch die eigene Kriegstreiberei sowie die Sanktionen der internationalen Staatengemeinschaft hat Russlands Präsident Wladimir Putin die Atomstreitkräfte seines Landes in Bereitschaft versetzt. Die Nachricht, die mit diesem Akt mitschwing,t ist eindeutig: „Passt besser auf, was ihr als Nächstes tut.“ Ohne jede Frage stellt ein Atomkrieg das wohl denkbar schlimmste Szenario dar. Auch ein nuklearer Winter, der in Folge mehrerer Kernwaffenexplosionen die Erde umspannen würde, brächte Schwierigkeiten kaum vergleichbaren Ausmaßes mit sich.

Was ist ein nuklearer Winter?

Unter einem nuklearen Winter versteht man die Verdunkelung und dadurch hervorgerufene Abkühlung der Erdatmosphäre in Folge mehrerer Atomschläge. Dabei gibt es gleich mehrere voneinander unabhängige Faktoren, die infolge eines Atomkriegs zu dieser Ereigniskette führen könnten.

Schon bei vergleichsweise kleinen Explosionen, etwa wenn du an Silvester einen Böller zündest, kannst du beobachten, wie Staub in die Luft befördert wird. Bei mehreren Explosionen, die jeweils eine Sprengkraft von mehreren Zigtausend Tonnen TNT freisetzen, fällt dieser Effekt entsprechend ausgeprägt aus. Tonnenweise Staub werden in die Atmosphäre geschleudert und verdunkeln die Sonne.

Hinzu kommen dichte Rauchwolken, die durch aus den Explosionen resultierenden Flächen- und Großbränden entstehen. Neben Öl und Kunststoff in den Städten brennen Wälder und Felder nieder. Je nach Ausmaß der Zerstörung könnte es Wochen, wenn nicht Monate dauern, bis sich Ruß und Staub wieder legen. Ernteausfälle und darauffolgende Hungersnöte würden die aus einem solchen Konflikt resultierenden Opferzahlen weltweit in unvorstellbare Höhen treiben.

Wie könnten wir die Versorgung aufrechterhalten?

Eine der wesentlichen Fragen besteht also darin, wie wir trotz mangelnden Lichts und enormer Kälte die Nahrungsversorgung sichern könnten. Entspreche Untersuchungen stellen Forscher*innen bereits seit dem Einsatz erster Kernwaffen im Zweiten Weltkrieg an. Seit dem Kalten Krieg scheint ihr Inhalt nun relevanter denn je zu sein.

In ebendiese Zeit blickten auch Daniel Winstead und Michael Jacobson zurück. „Daher kam es mir nicht in den Sinn, dass dies in nächster Zeit geschehen könnte.“, so Winstead. Er ist leitender Autor einer Studie, die er gemeinsam mit Jacobson Mitte März im Fachjournal Ambio veröffentlichte – einen Tag bevor Russland seine Atomstreitkräfte in höchste Alarmbereitschaft versetzte. „Diese Arbeit wurde während der jüngsten Invasion Russlands in der Ukraine veröffentlicht, aber unsere Arbeit daran begann vor zwei Jahren. Die Vorstellung, dass jetzt ein Atomkrieg ausbrechen könnte, war für mich undenkbar.“

Dennoch hält das Duo eine mögliche Lösung für die Aufrechterhaltung der Nahrungsversorgung im nuklearen Winter bereit. Immerhin könnte dieser in Äquatornähe zu weniger als 40 Prozent des normalen Lichtniveaus führen. Nahe der Pole könnte das Niveau sogar unter fünf Prozent fallen. Hinzu kämen starke Niederschlagsrückgänge um circa die Hälfte des weltweiten Durchschnitts, merken die Forscher an. Umso relevanter könnte in einer solchen Notlage das Ökosystem Regenwald werden.

Regenwälder: Retter in der Not?

Zwar könnten Verkettungen wie diese auch die Niederschläge in Regionen wie dem Kongo- oder dem Amazonasbecken noch 15 Jahre nach ihrem Eintreten um bis zu 90 Prozent reduzieren, doch bleibe ein Teil ihres Potenzials erhalten.

Winstead und Jacobson zufolge würden die tropischen Wälder die Möglichkeit bieten, weiterhin Nahrungsmittel zu produzieren – in geringem Umfang. Denn trotz der dichten Rußwolken wären diese Regionen wärmer. Denkbar sei die Nutzung von Wildpflanzen, Waldinsekten, Früchte, Blattgemüse, Samen beziehungsweise Nüsse, Wurzeln, Gewürze, Süßigkeiten und Proteine. Insgesamt wählte das Duo aus einer Liste von gut 247 essbaren Wildpflanzen 33 Arten aus, die sich zum Anbau in von einem nuklearen Winter betroffenen Regenwald eignen könnten.

„Aber unabhängig von der Gefahr eines Atomkriegs gibt es zahlreiche andere existenzielle Bedrohungen, nicht zuletzt den Klimawandel“, zitiert eine Pressemitteilung der Pennsylvania State University den Koautor Jacobson. „Die Gewährleistung der Lebensmittelsicherheit und der Ernährung angesichts all dieser Risiken ist eindeutig eine der größten Herausforderungen der Menschheit in den nächsten Jahrzehnten. Zu diesem Zweck ist es unerlässlich, dass wir unsere Lebensmittelproduktion, unsere Liefer- und Wertschöpfungsketten besser verstehen, um sie in Krisenzeiten weniger anfällig und anpassungsfähiger zu machen.“

Quelle: „Food resilience in a dark catastrophe: A new way of looking at tropical wild edible plants“ (2022, Ambio); Pennsylvania State University

Seit dem 24. Februar 2022 herrscht Krieg in der Ukraine. Hier kannst du den Betroffenen helfen.

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